500 Millionen Spermien unterwegs
Im Gegensatz zur Frau wird dem Mann nicht gleich alles in die Wiege gelegt: Er kommt nicht mit allen Samenzellen (auch Spermi­en genannt) auf die Welt, die er im Laufe seines Lebens braucht. Seine Hoden müssen ständig neue produzieren, und das tun sie Jeder Sa-   reichlich. Pro Sekunde reifen etwa  1.000 Spermien heran, unabhängig von der Tageszeit und vom Alter. Kein Wunder also, daß man(n) verschwenderisch damit umgeht: Mit jedem Samenerguß werden durchschnittlich 500 Mil­lionen Samenzellen durch die Harnröhre hinausgeschleudert. Diese Menge paßt auf die Ober­fläche einer Heftzwecke und reicht aus, um die Bevölkerung der USA gleich zweimal zu befruchten. Doch Millionen dieser Samenzellen er­reichen ihr Ziel erst gar nicht.
 
Der letzte Schliff fehlt noch

Beim Eintritt in die Vagina sind die Spermien noch nicht voll ausge­reift und können noch kein Ei befruchten. Erst wenn sie in Richtung Gebärmutter losströmen, aktiviert das dort vorhandene Östrogen eine Eiweißsubstanz im Kopf der Spermien, mit der sie überhaupt erst in der Lage sind, in die Eizelle einzudringen. Dieser Vorgang heißt Kapazitation und bedeutet »Befähigung«. Eine Samenzelle ist etwa 0,06 mm lang und mit bloßem Auge nicht er­kennbar. Die Ähnlichkeit mit einer Kaulquappe ist nicht zu leugnen: Sie besteht aus einem Kopf-, Mittel- und Schwanzteil. Im Kopfteil sitzt der Zellkern mit dem Erbgut (Chromosomen).

Der Kopf ist mit dem Mittelteil gelenkartig verbunden, wodurch sich das Spermium schlangenartig fortbewegen kann. Besonders flinke Samenzellen legen ein ordentliches Tempo an den Tag: Sie schaffen etwa von der   3 bis 3,5 mm pro Minute. Diese beachtliche Geschwindigkeit können sie auch über weite Strecken beibehalten. Für die Strecke Scheide über den Gebärmutterhals, die Gebärmutter bis in die Eileiter (etwa 15 cm) brauchen sie rund eine Stunde - vorausgesetzt, es liegen keine Hindernisse im Weg.
 
TIP! Die Samenzellen tragen keinerlei Nährstoffe mit sich, befördern lediglich die genetische Fracht des Vaters.
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Von den Schwierigkeiten auf dem Weg nach oben
 
An manchen Tagen im Zyklus einer Frau ist der Weg durch den Gebär­mutterhals von einem zähen, schwer durchdringbaren Schleim ver­sperrt. Dieser Schleim wird von den Drüsen des Gebärmutterhalses, der Zervix, gebildet. Seine Hauptaufgabe ist vergleichbar mit der eines Tankwarts: Er versorgt ankommende Samenzellen mit Nährstoffen wie Eiweiß und Zucker und tankt sie damit auf für ihre weite Reise. Erwar­tet sie am Ziel ihrer Reise keine reife Eizelle, verharren die Samenzellen in den Nischen des Gebärmutterhalses, den sogenannten Kryp­ten. Diese Nischen werden von Zervixschleim umspült und bieten den Samenzellen einen angenehmen Aufenthalt. Hier können sie sich in gemachten Bettchen ausruhen, Nahrung zu sich nehmen und ein paar Tage Kräfte sammeln. Kur­zum: Sie lassen es sich richtig gut ge­hen - wie in einem Grandhotel. Auf diese Weise können sie mehrere Tage überleben und darauf warten, daß der Eisprung stattfindet.
 
An unfruchtbaren Tagen allerdings ist der Zervixschleim undurchdringbar und versperrt den Gebärmutterhals wie ein fester Pfropf. Für die Spermien heißt es dann: Kein Durchkommen mehr! Sie verweilen zwar noch vor dem Gebärmutterhals in der Scheide, allerdings nicht sehr lange. An unfruchtbaren Tagen ist das Scheidenmilieu für die Spermien so unangenehm sauer, daß sie innerhalb von ein bis drei Stunden absterben.
 
Freie Fahrt nach vorn
 
An den fruchtbaren Tagen dagegen löst sich der Schleimpfropf auf. Die stärkeren Spermien können bis in den Gebärmutterhals nach vorne strömen und sich zwischenzeitlich immer wieder ausruhen. Schließlich schlängeln sich nur noch wenige Dutzend Überlebende weiter nach -   oben bis zu den Eileitern. Dabei haben sie nur ein Ziel: Auf eine reife, befruchtungsfähige Eizelle zu treffen - und zwar in dem Eileiter, in dem sie gerade hochwedeln. Die Chancen stehen dabei 50 zu 50, da sich die beiden Eierstöcke mit der Eireifung abwechseln. Für jedes einzelne der 500 Millionen Spermien pro Samenerguß ist die Befruchtung mit einer Eizelle vergleichbar mit sechs Richtigen im Lotto.